transmediales.deKÜNSTLICHE INTELLIGENZ UND DIE PYRAMIDEN VON GIZEH
Marie-Luise Charlotte Weier
2022
Essay & GIF

Frame-by-Frame Animation mit PyTTI-Tools Colab Notebook
RGB, Stumm, 4 Sek. Loop
„Wir leben in einer Beobachtungskultur.“ [1]
Das zeigt sich nicht nur im Erfolg der sozialen Medien, in denen das Beobachten von anderen und die Selbstinszenierung im Mittelpunkt steht, sondern weist auch darauf hin, dass wir zunächst bloß das, was wir direkt beobachten können, wahrnehmen. „Das Unsichtbare reizt die Imagination stärker als das Offensichtliche“[2]. Unsichtbares wird nicht wahrgenommen oder als Gefahr vermutet.
Dies lässt sich auf die gesamte digitale Welt und verbundene Digitalisierung übertragen: Ich kann nicht beobachten, wie viel Ressourcen das Senden einer E-Mail, eine Bildbearbeitung oder der Einsatz von künstlicher Intelligenz kostet – außer es dreht sich ein kleines, buntes Rädchen, was mir sagt, ich habe meinen Computer überbeansprucht, er braucht jetzt ausnahmsweise mal länger als den Bruchteil einer Sekunde.
Um die unsichtbaren Ressourcen ein bisschen besser begreifbar zu machen, ziehe ich den Vergleich zwischen einem architektonischen Meisterwerk der Vergangenheit, den ägyptischen Pyramiden, und einem informationstechnologischen Meisterwerk der Gegenwart, der künstlichen Intelligenz.
Wenn man eine Postkarte mit dem Bildmotiv der Pyramiden bekommt, denkt man vielleicht *ach, ich möchte auch mal wieder in den Urlaub* oder *die sehen ja krass aus*, sofern man sich bis dato an dem Motiv noch nicht sattgesehen hat. Es gibt verschiedene Theorien, wie die Pyramiden erbaut wurden – allerdings wurden die meisten widerlegt oder konnten zumindest bisher nicht bewiesen werden. Wodurch ein gewisser Mythos das architektonische Weltwunder umgibt.
Welche Ressourcen waren dafür nötig? „2,6 Millionen Steinblöcke mit einem Mindestgewicht von 2,5 Tonnen pro Block“[3] sollen schätzungsweise in einer Pyramide verbaut sein. Die Granitsteine in der Königskammer der Cheopspyramide wiegen jeweils 50 Tonnen. Die einfache Frage, wie diese Steine transportiert und aufeinandergeschichtet wurden, konnte bisher nicht geklärt werden: hölzerne Schlitten für Steinblöcke sowie Rampen und Hebel oder Maschinen (Aufzüge, Seilwinden, Kräne) für die Granitsteine? Es ist zumindest klar, dass Menschen allein diese Energie nicht aufwenden können. Tausende von Arbeitern sollen in einer Elf-Tage-Woche, zehn Tage à zehn Stunden und einem freien Tag, gearbeitet haben. Sie waren allerdings nicht, wie man früher ausging, versklavt, sondern wahrscheinlich gut bezahlt. Es gibt unterschiedliche Theorien für die Arbeitsmotivation: „Es ist nicht anzunehmen, dass ein diktatorischer Pharao einen großen Teil seines Volkes gezwungen haben kann, an dem Mammut-Projekt mitzuarbeiten.“[4] Wahrscheinlicher sind religiöse Vorstellungen, Beschäftigungstherapie oder „als gesamtgesellschaftliches Gesellenstück für die Ewigkeit.“[5]
Dies lässt sich wunderbar auf ein KI-generiertes Bild übertragen. Beim Anblick kommen die Gedanken Urlaub oder krass, sofern man sich an KI-generierten Bildern noch nicht sattgesehen hat. Um KI wird gern ein Mythos gewoben. Allein die Terminologie künstliche Intelligenz erweckt für Laien den Eindruck, dieser Computer könnte ein Bewusstsein haben, was Sci-Fi-Fantasien aufleben lässt. Andererseits wird auch ganz bewusst, durch die Nichtveröffentlichung (oder nur unvollständige Veröffentlichung) des Quellcodes und der zum Training benutzten Daten, weiter mystifiziert.
Hier stellt sich also wieder die Frage: Welche Ressourcen waren dafür nötig? OpenAI trainierte sein GPT-3-Modell mit 45 Terabyte Daten. Nivida ließ zum Training der finalen Version von MegatronLM neun Tage lang 512 V100-GPUs laufen, was circa 27.648 Kilowattstunden (kWh) entspricht.[6] Das sind Zahlen, die man sich als Laie, wie auch die 2,6 Millionen Steinblöcke der Pyramiden, kaum vorstellen kann. Zum Trainieren von künstlicher Intelligenz werden, wie zum Bau der Pyramiden, menschliche Ressourcen benötigt. Dabei handelt es sich nicht um schwere körperliche Arbeit, sondern stupide, eintönige Arbeit mit einer hohen Anzahl an Wiederholungen. Diese werden zur Bewertung benötigt, ob ein KI-generiertes Bild fotorealistisch ist, wie ein Objekt ordentlich freigestellt ist, oder, wie Menschen aussehen, wenn sie die Tätigkeit X ausüben.
Diese Arbeiter:innen sind, wie bei den Ägyptern, nicht versklavt, aber im Gegensatz zu Ägypten, deutlich schlechter bezahlt: Beispielsweise liegt der Durchschnittslohn von sogenannten „Crowdworkern“ von Amazon Mechanical Turk bei etwa 2 US-Dollar pro Stunde.[7]
Der entscheidende Unterschied zwischen den Pyramiden und dem KI-generierten Bild ist jedoch, dass wir zu den Pyramiden bereits
viel Wissen und Aufklärungsarbeit zu den Ressourcen gesammelt und geleistet haben. Wüsste man nicht, dass die Pyramiden vor rund 4500 Jahren und ohne die uns bekannte, modernste Technik erbaut worden sind – wären sie neben den Bauwerken in New York, Dubai oder Singapur längst nicht so beeindruckend und sicherlich kein Weltwunder. Bei KI-generierten Bildern fehlen uns in der Regel aber das Wissen und die Vorstellungskraft über die massiven Ressourcen, die zur Entstehung notwendig waren. In Anbetracht der oben beschriebenen Umstände doch zumindest hinterfragbar, wie wir als Gesellschaft in Zukunft mit KI und den damit verbundenen Produkten und Prozessen umgehen wollen.
„Wir leben in einer Beobachtungsgesellschaft“[8]. Deshalb soll dieses Essay auch weder den Einsatz von KI in Frage stellen noch den Stellenwert dieser im Vergleich den Pyramiden festlegen. Es geht vielmehr darum, die Augen für das vordergründig nicht sichtbare zu öffnen, um eine reflektierte und sozial verträgliche Positionierung überhaupt zu ermöglichen. Zumal dies im Rahmen der zunehmenden Digitalisierung und Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenzen nur noch an Relevanz hinzugewinnen wird.
[1] Meyer, Kim/Velbrück GmbH Bücher und Medien: Das konspirologische Denken: Zur gesellschaftlichen Dekonstruktion der Wirklichkeit, Konstanz, Deutschland: Velbrück Wissenschaft, 2017, S.228.
[2] Giesen, Bernhard: Zwischenlagen: Das Außerordentliche als Grund der sozialen Wirklichkeit, Weilerswist, Deutschland: Velbrück Wissenschaft, 2010.
[3] Bolten, Götz: Antike: Pyramidenbau, in: Antike - Geschichte - Planet Wissen, 21.04.2022, https://www.planet-wissen.de/geschichte/antike/pyramidenbau/index.html (abgerufen am 31.08.2022).
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6] Vgl. Labbe, Mark: Energy consumption of AI poses environmental problems, in: SearchEnterpriseAI, 26.08.2021, https://www.techtarget.com/searchenterpriseai/feature/Energy-consumption-of-AI-poses-environmental-problems (abgerufen am 31.08.2022).
[7] Vgl. Kotaro, Hara/Abi Adams/Kristy Milland/Saiph Savage/Chris Callison-Burch/Jeffrey Bigham: A Data-Driven Analysis of Workers’ Earnings on Amazon Mechanical Turk, in: arXiv, 2017, doi:10.48550/ARXIV.1712.05796.
[8] Meyer, Kim/Velbrück GmbH Bücher und Medien: Das konspirologische Denken: Zur gesellschaftlichen Dekonstruktion der Wirklichkeit, Konstanz, Deutschland: Velbrück Wissenschaft, 2017, S.228.
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ UND DIE PYRAMIDEN VON GIZEH
Marie-Luise Charlotte Weier
2022
Essay & GIF

Frame-by-Frame Animation mit PyTTI-Tools Colab Notebook
RGB, Stumm, 4 Sek. Loop
„Wir leben in einer Beobachtungskultur.“ [1]
Das zeigt sich nicht nur im Erfolg der sozialen Medien, in denen das Beobachten von anderen und die Selbstinszenierung im Mittelpunkt steht, sondern weist auch darauf hin, dass wir zunächst bloß das, was wir direkt beobachten können, wahrnehmen. „Das Unsichtbare reizt die Imagination stärker als das Offensichtliche“[2]. Unsichtbares wird nicht wahrgenommen oder als Gefahr vermutet.
Dies lässt sich auf die gesamte digitale Welt und verbundene Digitalisierung übertragen: Ich kann nicht beobachten, wie viel Ressourcen das Senden einer E-Mail, eine Bildbearbeitung oder der Einsatz von künstlicher Intelligenz kostet – außer es dreht sich ein kleines, buntes Rädchen, was mir sagt, ich habe meinen Computer überbeansprucht, er braucht jetzt ausnahmsweise mal länger als den Bruchteil einer Sekunde.
Um die unsichtbaren Ressourcen ein bisschen besser begreifbar zu machen, ziehe ich den Vergleich zwischen einem architektonischen Meisterwerk der Vergangenheit, den ägyptischen Pyramiden, und einem informationstechnologischen Meisterwerk der Gegenwart, der künstlichen Intelligenz.
Wenn man eine Postkarte mit dem Bildmotiv der Pyramiden bekommt, denkt man vielleicht *ach, ich möchte auch mal wieder in den Urlaub* oder *die sehen ja krass aus*, sofern man sich bis dato an dem Motiv noch nicht sattgesehen hat. Es gibt verschiedene Theorien, wie die Pyramiden erbaut wurden – allerdings wurden die meisten widerlegt oder konnten zumindest bisher nicht bewiesen werden. Wodurch ein gewisser Mythos das architektonische Weltwunder umgibt.
Welche Ressourcen waren dafür nötig? „2,6 Millionen Steinblöcke mit einem Mindestgewicht von 2,5 Tonnen pro Block“[3] sollen schätzungsweise in einer Pyramide verbaut sein. Die Granitsteine in der Königskammer der Cheopspyramide wiegen jeweils 50 Tonnen. Die einfache Frage, wie diese Steine transportiert und aufeinandergeschichtet wurden, konnte bisher nicht geklärt werden: hölzerne Schlitten für Steinblöcke sowie Rampen und Hebel oder Maschinen (Aufzüge, Seilwinden, Kräne) für die Granitsteine? Es ist zumindest klar, dass Menschen allein diese Energie nicht aufwenden können. Tausende von Arbeitern sollen in einer Elf-Tage-Woche, zehn Tage à zehn Stunden und einem freien Tag, gearbeitet haben. Sie waren allerdings nicht, wie man früher ausging, versklavt, sondern wahrscheinlich gut bezahlt. Es gibt unterschiedliche Theorien für die Arbeitsmotivation: „Es ist nicht anzunehmen, dass ein diktatorischer Pharao einen großen Teil seines Volkes gezwungen haben kann, an dem Mammut-Projekt mitzuarbeiten.“[4] Wahrscheinlicher sind religiöse Vorstellungen, Beschäftigungstherapie oder „als gesamtgesellschaftliches Gesellenstück für die Ewigkeit.“[5]
Dies lässt sich wunderbar auf ein KI-generiertes Bild übertragen. Beim Anblick kommen die Gedanken Urlaub oder krass, sofern man sich an KI-generierten Bildern noch nicht sattgesehen hat. Um KI wird gern ein Mythos gewoben. Allein die Terminologie künstliche Intelligenz erweckt für Laien den Eindruck, dieser Computer könnte ein Bewusstsein haben, was Sci-Fi-Fantasien aufleben lässt. Andererseits wird auch ganz bewusst, durch die Nichtveröffentlichung (oder nur unvollständige Veröffentlichung) des Quellcodes und der zum Training benutzten Daten, weiter mystifiziert.
Hier stellt sich also wieder die Frage: Welche Ressourcen waren dafür nötig? OpenAI trainierte sein GPT-3-Modell mit 45 Terabyte Daten. Nivida ließ zum Training der finalen Version von MegatronLM neun Tage lang 512 V100-GPUs laufen, was circa 27.648 Kilowattstunden (kWh) entspricht.[6] Das sind Zahlen, die man sich als Laie, wie auch die 2,6 Millionen Steinblöcke der Pyramiden, kaum vorstellen kann. Zum Trainieren von künstlicher Intelligenz werden, wie zum Bau der Pyramiden, menschliche Ressourcen benötigt. Dabei handelt es sich nicht um schwere körperliche Arbeit, sondern stupide, eintönige Arbeit mit einer hohen Anzahl an Wiederholungen. Diese werden zur Bewertung benötigt, ob ein KI-generiertes Bild fotorealistisch ist, wie ein Objekt ordentlich freigestellt ist, oder, wie Menschen aussehen, wenn sie die Tätigkeit X ausüben.
Diese Arbeiter:innen sind, wie bei den Ägyptern, nicht versklavt, aber im Gegensatz zu Ägypten, deutlich schlechter bezahlt: Beispielsweise liegt der Durchschnittslohn von sogenannten „Crowdworkern“ von Amazon Mechanical Turk bei etwa 2 US-Dollar pro Stunde.[7]
Der entscheidende Unterschied zwischen den Pyramiden und dem KI-generierten Bild ist jedoch, dass wir zu den Pyramiden bereits
viel Wissen und Aufklärungsarbeit zu den Ressourcen gesammelt und geleistet haben. Wüsste man nicht, dass die Pyramiden vor rund 4500 Jahren und ohne die uns bekannte, modernste Technik erbaut worden sind – wären sie neben den Bauwerken in New York, Dubai oder Singapur längst nicht so beeindruckend und sicherlich kein Weltwunder. Bei KI-generierten Bildern fehlen uns in der Regel aber das Wissen und die Vorstellungskraft über die massiven Ressourcen, die zur Entstehung notwendig waren. In Anbetracht der oben beschriebenen Umstände doch zumindest hinterfragbar, wie wir als Gesellschaft in Zukunft mit KI und den damit verbundenen Produkten und Prozessen umgehen wollen.
„Wir leben in einer Beobachtungsgesellschaft“[8]. Deshalb soll dieses Essay auch weder den Einsatz von KI in Frage stellen noch den Stellenwert dieser im Vergleich den Pyramiden festlegen. Es geht vielmehr darum, die Augen für das vordergründig nicht sichtbare zu öffnen, um eine reflektierte und sozial verträgliche Positionierung überhaupt zu ermöglichen. Zumal dies im Rahmen der zunehmenden Digitalisierung und Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenzen nur noch an Relevanz hinzugewinnen wird.
[1] Meyer, Kim/Velbrück GmbH Bücher und Medien: Das konspirologische Denken: Zur gesellschaftlichen Dekonstruktion der Wirklichkeit, Konstanz, Deutschland: Velbrück Wissenschaft, 2017, S.228.
[2] Giesen, Bernhard: Zwischenlagen: Das Außerordentliche als Grund der sozialen Wirklichkeit, Weilerswist, Deutschland: Velbrück Wissenschaft, 2010.
[3] Bolten, Götz: Antike: Pyramidenbau, in: Antike - Geschichte - Planet Wissen, 21.04.2022, https://www.planet-wissen.de/geschichte/antike/pyramidenbau/index.html (abgerufen am 31.08.2022).
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6] Vgl. Labbe, Mark: Energy consumption of AI poses environmental problems, in: SearchEnterpriseAI, 26.08.2021, https://www.techtarget.com/searchenterpriseai/feature/Energy-consumption-of-AI-poses-environmental-problems (abgerufen am 31.08.2022).
[7] Vgl. Kotaro, Hara/Abi Adams/Kristy Milland/Saiph Savage/Chris Callison-Burch/Jeffrey Bigham: A Data-Driven Analysis of Workers’ Earnings on Amazon Mechanical Turk, in: arXiv, 2017, doi:10.48550/ARXIV.1712.05796.
[8] Meyer, Kim/Velbrück GmbH Bücher und Medien: Das konspirologische Denken: Zur gesellschaftlichen Dekonstruktion der Wirklichkeit, Konstanz, Deutschland: Velbrück Wissenschaft, 2017, S.228.
TRANSMEDIALES ERZÄHLEN
transmediales.de
ΣELIG von Jana Ewinger & Laura Hoschek
Klanginstallation, 2025
CHAINS UNDERWATER FREAK ME OUT. von Savio Banholzer
Essay & Videoinstallation, 2024
MEN DO MEN BUSINESS von Helen Moldaschl
Video & Script, 2022
LOLITA 2.022 von Soraya Müller
Stop-Motion-Animation, 2022
ΣELIG von Jana Ewinger & Laura Hoschek
Klanginstallation, 2025
CHAINS UNDERWATER FREAK ME OUT. von Savio Banholzer
Essay & Videoinstallation, 2024
MEN DO MEN BUSINESS von Helen Moldaschl
Video & Script, 2022
LOLITA 2.022 von Soraya Müller
Stop-Motion-Animation, 2022